Warum Geigenbau?
Schon früh war die Geige für mich mehr als nur irgendein Instrument. Klang und Optik der Geige haben mich immer fasziniert, es lag etwas Geheimnisvolles darin…während des Studiums der Musikwissenschaft in Berlin wurde mir dann klar, dass mich nicht nur die theoretische Seite der Musik interessierte, sondern vor allem das schöpferische Arbeiten mit verschiedenen Materialien. Der Prozess, in dem aus dem rohen Holz ein lebendiges Klangobjekt entsteht, erschien mir wie die perfekte Verbindung von Kunst, Handwerk und Musik. Was ich in meiner Werkstatt am meisten liebe, ist einerseits die konzentrierte Arbeit an den Instrumenten und auf der anderen Seite der lebendige Austausch mit den Musizierenden. Ich glaube, dass diese beiden gegensätzlichen Pole den Beruf so reizvoll für mich machen.
Du hast in halb Europa und den USA gearbeitet – was nimmst du aus dieser Zeit heute noch mit in jede Geige?
Tatsächlich sind die Orte, an denen ich gearbeitet habe, stark mit den Personen verbunden, denen ich dort begegnet bin; in den größeren Werkstätten arbeiteten oft internationale Teams. Es sind Techniken, Stile und Haltungen, die ich dort schätzen gelernt habe. Die Ermutigung, auch mal „out of the box“ zu denken und Dinge auszuprobieren, erfinderisch zu sein. Ich erinnere mich an kleine Kniffe und ungewöhnliche Techniken, auch Diskussionen zu ethischen Fragen beim Restaurieren. Da gibt es kulturelle Unterschiede, etwa, ob eine Restaurierung für den Betrachter sichtbar oder unsichtbar sein sollte. Ganz besonders dankbar bin ich für die intensive Zeit bei der Firma Hans Weisshaar in Los Angeles.
Was war der komplizierteste „Fall“, der je auf deiner Werkbank lag?
Das Verrückteste war wohl ein neuer Zargenkranz für eine alte norditalienische Geige. Die originalen Zargen waren zu beschädigt, um sie restaurieren zu können. Da Decke und Boden extrem asymmetrisch geformt waren, musste der gesamte Zargenkranz bewusst schief konstruiert werden. Das war unglaublich herausfordernd, aber mit dem Ergebnis war ich am Ende sehr zufrieden!
Was passiert in deiner Werkstatt, was Außenstehende überraschen würde?
Es entsteht immer etwas ganz Besonderes durch die Verbindung von Handwerk und Musik. Emotionen spielen eine sehr große Rolle in meiner Werkstatt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass ein Streichinstrument eng am Körper gehalten, quasi umarmt wird, und dass der Klang dem der menschlichen Stimme so ähnlich ist. Die Beziehung zwischen Musiker und Instrument ist dadurch sehr intim und mit vielen Emotionen verbunden, so wie ja auch die Musik selbst durch das Erzeugen von Stimmungen berührt. Das kann eben zu großer Freude oder andererseits auch einmal zu Tränen führen.
Was inspiriert deine Arbeit heute?
An erster Stelle inspiriert mich die Musik. Dann sind es die Instrumente, die ich anschauen und studieren kann, bei Ausstellungen, im Museum oder auf meiner Werkbank.
Auch der internationale Austausch mit Kolleginnen und Kollegen inspiriert mich sehr, auf Online-Netzwerken oder bei Fachtagungen und Ausstellungen.
Beim Restaurieren liebe ich es, ein Instrument wieder zum Leben zu erwecken, in dem ich etwas Besonderes erkenne: Eine kleine Fläche originalen Lacks, der unter einer matten Patina hervorscheint, oder etwas anderes am Instrument, das mich irgendwie berührt.
Gibt es Momente mit Kunden oder Instrumenten, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Am schönsten ist der Moment, in dem ich die Freude meiner Kundschaft unmittelbar spüren kann, wenn sie ihr geliebtes Instrument wieder abholen und mit dem Ergebnis meiner Arbeit hochzufrieden sind. Wenn man für ein kniffliges Problem eine gute Lösung gefunden hat. Wenn nach ein paar Tagen Einspielen die Rückmeldung kommt, dass jetzt alles perfekt sei. Es hat mich einmal sehr gerührt, als eine Familie die alte Geige der Oma hat aufarbeiten lassen und die Oma direkt bei der Abholung per Videocall angerufen hat, um ihr das Ergebnis zu präsentieren.