Wo Vergangenheit mitschwingt und Zukunft entsteht.
Unsichtbare Mitwirkende: Reparieren im Bewusstsein vieler Generationen
Wenn ich ein neues Projekt beginne – sei es eine kleine Reparatur oder die umfassende Restaurierung eines Streichinstruments – gehe ich die einzelnen Schritte gedanklich einmal komplett durch, oft sogar mehrfach. Was steht am Anfang? Welche Arbeitsschritte erleichtern die folgenden? Und wie erreiche ich bestimmte Stellen am besten?
Dabei spielt noch ein anderer Gedanke eine große Rolle: Als Geigenbauerin treffe ich meine Entscheidungen nicht im luftleeren Raum. Im Hintergrund sind immer mehrere „Mitwirkende“ präsent – die Person, die das Instrument ursprünglich gebaut hat, frühere Reparateure, zukünftige Fachleute, die einmal daran arbeiten werden, sowie natürlich der aktuelle und spätere Spieler oder die Spielerin. Auch wenn sie nicht physisch anwesend sind, beeinflussen all diese Perspektiven meine Entscheidungen.
Dieses Bewusstsein ist auch für Musikerinnen und Musiker wichtig. Wir spielen auf empfindlichen Instrumenten, die teilweise mehrere Jahrhunderte überstanden haben. Selbst wenn ein Instrument gerade in meinem Besitz ist, wird es irgendwann weitergegeben werden – und wie ich heute damit umgehe, prägt seine Zukunft und die Möglichkeiten kommender Generationen von Spielerinnen und Spielern.
Vor diesem Hintergrund wird klar, warum sorgfältige Pflege so entscheidend ist. Man kann es sich so vorstellen: Ein Streichinstrument ist wie eine wertvolle Leihgabe, für die wir eine Zeit lang Verantwortung tragen – und deren Klang wir mit echter Spielfreude in die Welt hinaustragen dürfen. Umso erstaunlicher und schöner ist es, „… dass etwas so Zierliches, Leichtes so viel vollbringt, dass ein Instrument aus dem 18. Jahrhundert noch im 21. Jahrhundert so viel zu sagen hat.“ (Rebecca Solnit, Umwege. Essays für schwieriges Terrain, aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger, Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2025.)

