Die Stradivari vom Dachboden
Über Originale, Kopien und bewusste Täuschungen
Immer wieder bringen Kundinnen und Kunden Instrumente in meinen Laden, die sie geerbt oder auf dem Dachboden entdeckt haben. Nicht selten findet sich darin ein Zettel mit der Aufschrift „Antonius Stradivarius faciebat Cremonensis Anno …“, was schnell die Hoffnung auf einen sensationellen Fund weckt. Tatsächlich ist es jedoch äußerst unwahrscheinlich, zufällig auf ein bislang unbekanntes Original zu stoßen. In den meisten Fällen handelt es sich um sächsische Manufakturinstrumente aus Markneukirchen und Umgebung, die im 20. Jahrhundert in großen Stückzahlen produziert und oft nach Übersee exportiert wurden – erkennbar an Zusätzen wie „Made in Germany“ oder „Made in GDR“.
Solche Zettel sind bei den sogenannten German Trade Instruments nicht als Fälschungsversuch zu verstehen, sondern bezeichnen lediglich das Modell, nach dessen Vorbild die Geige gebaut wurde. Neben Stradivari dienten auch Amati, Guarneri oder Maggini häufig als Inspiration. Die charakteristischen Stilelemente dieser Meister sind dabei oft nur grob nachempfunden – denn Lack, Schnecke und Korpus überzeugend zu imitieren, erfordert außergewöhnliche handwerkliche Fähigkeiten.
Gelegentlich begegnen mir jedoch Instrumente, bei denen Etiketten bewusst manipuliert wurden. Ein Beispiel ist eine Violine mit einem Gagliano-Zettel von 1791, begleitet von einem scheinbar stimmigen Echtheitszertifikat. Eine dendrochronologische Analyse der Geigendecke zeigte allerdings, dass der jüngste Jahresring des Deckenholzes aus dem Jahr 1923 stammt. Unter Berücksichtigung der üblichen Ablagerungszeit ergibt sich ein Baujahr um 1928/29 – bemerkenswerterweise identisch mit dem Datum des Zertifikats! Hier lag eindeutig Täuschungsabsicht vor.
Ein weiteres Beispiel ist ein Instrument mit dem Etikett „Chipot-Vuillaume, Gendre de J.-B. Vuillaume à Paris“. Zwar trug der betreffende Geigenbauer tatsächlich diesen Namen und war der Schwiegersohn eines Jean-Baptiste Vuillaume – jedoch eines Schuhmachers, nicht des berühmten Geigenbauers, dessen Werke heute sechsstellige Summen erzielen. Eine geschickte Marketingstrategie, die bis heute für Verwirrung sorgt.
Im Zweifel empfehle ich stets, eine fachkundige Einschätzung einzuholen – unabhängig davon, welchen finanziellen Wert ein Instrument besitzt. Denn oft sind es gerade die Geschichten hinter einem Erbstück, die es wirklich einzigartig machen.
Egal ob Original oder Kopie, kommen Sie mit Ihrem Fundstück vorbei. Ich unterstütze Sie gerne dabei, seiner Geschichte auf den Grund zu gehen und ihm wieder echte Klänge zu entlocken.

